Rede der Teamdelegierten

Liebe Interessierte, liebe UnterstützerInnen, liebe Mitmenschen!

Ein Schwenk aus meinem Leben als Gesundheits- und Krankenpflegerin:

Als sich die Krankenhäuser in Deutschland auf die Pandemie vorbereiteten und Kapazitäten für Covid-Erkrankte schuften, gab es auf vielen Stationen so wenig Krankmeldungen wie seit Jahren nicht mehr!

Alle planbaren OPs und Therapien wurden verschoben, der normalerweise hohe Durchlauf an PatientInnen wurde extrem gedrosselt.
In der Regel sind die meisten Wochen im Dienstplan gespickt mit roten „K“s, was dafür steht, dass sich der Kollege oder die Kollegin krank gemeldet hat.
Kein Wunder, denn der sogenannte „Normalbetrieb“ verlangt einiges ab.
6Uhr Übergabe, 6:30Uhr Tabletten kontrollieren und Infusionen richten, 7Uhr den ersten frisch operierten Patienten aus dem Aufwachraum übernehmen, 7:15Uhr beginnen nach und nach zu den Patienten und Patientinnen zu gehen, Vitalzeichen erfassen, bewerten, darauf reagieren, Schmerzen lindern,
Medikamente verabreichen, Ärztin hinzuziehen, weil Patient plötzlich desorientiert, Patientin hat immer noch Schmerzen, neues Medikament,Transport ins CT anmelden für desorientierten Patienten. Ständig abrufbar, ständig ansprechbar für PatientInnen, KollegInnen und Angehörige. Was wäre, wenn jetzt auch noch zu einem Notfall kommen würde?
Patientin hat Fragen, wie es nach ihrer OP morgen dann weitergeht, Patient von Intensiv übernehmen, Blutdruck kontrollieren, weil er morgens zu hoch war, der Verband bei der Patientin dauert mindestens 20min …
Wie viel Uhr war es doch gleich? Habe ich eigentlich schon einen Schluck Wasser getrunken?
Ich würde gerne der Patientin, die morgen eine große Herz-OP vor sich hat, erzählen, wie sie mithelfen kann, eine Lungenentzündung vorzubeugen, ihr erklären, wie sie sich bewegen darf nach der OP, um die Wundheilung nicht negativ zu beeinflussen, ihr gut zusprechen.
Es gibt Tage, an denen habe ich die Zeit dafür. Seit für meinen Fachbereich die Personaluntergrenze gilt, da wir ein „pflegesenitiver“ Bereich sind, gibt es mehr solcher Tage.
Dennoch. Nicht für alle Patienten, denen eine große OP vorbesteht, habe ich diese Zeit. Zeit dafür einem Menschen zu erklären, wie er oder sie an ihrer Genesung mitarbeiten kann. Prävention.
Ja, wo ist eigentlich Raum für die Prävention? Wann in unserem Arbeitsalltag verbringen wir Zeit damit, unsere Mitmenschen darin zu befähigen, mit ihrer Krankheit umzugehen, sich gesund zu halten, sie in ihrer Gesundheitskompetenz zu fördern? Das war Teil meiner Ausbildung, doch jetzt betreibe ich es wie ein zeitraubendes Hobby in meinem Arbeitsalltag. Denn danach fragt niemand!
Was zählt ist: Aufnahme – OP – Wunde zu – entlassen – Aufnahme – OP – Komplikation – Komplikation behoben – entlassen – Aufnahme – OP – usw. Normalbetrieb eben.
Grundlegendes Problem dabei ist das Finanzierungssystem der Krankenhäuser, das Fallpauschalensystem, die DRGs!
Sie verursachen, dass wir MitarbeiterInnen in Krankenhäusern uns wie ein Spielball in diesem System fühlen. Den tieferen Sinn, der uns womöglich damals angetrieben hat, unseren Beruf zu lernen, den verlieren wir immer wieder, immer häufiger aus dem Blick!
Dieses ökonomisch gesteuerte System zieht einen Rattenschwanz an Ungerechtigkeiten und Absurditäten hinter sich her!

Die Qualität der Gesundheitsversorgung scheint zweitrangig gegenüber den Fallzahlen, dem Durchlauf an PatientInnen. Die Qualität wird auch nicht gesteigert, wenn neue Kolleginnen und Kollegen nicht ausreichend und strukturiert eingearbeitet werden können. Speziell Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland benötigen eine längere Einarbeitungszeit, um sich in der neuen Sprache, den neuen Abläufen,
neuen Selbstverständlichkeiten zurechtzufinden und das muss möglich sein. Denn ohne diese Kolleginnen und Kollegen fehlt es uns noch mehr an Personal! Die hohe Zahl der Leiharbeiter ist ebenfalls ein Symptom für den wankenden Gesundheitsapparat. Dieser riesengroße Apparat pfeift auf dem letzten Loch! Es reicht nicht mehr nur hier und da ein Schräubchen festzudrehen!
Er muss generalüberholt werden – um mal in der industriellen Sprache zu sprechen, die sie liebe Entscheidungsträger scheinbar besser verstehen, so wie sie unsere Krankenhäuser zu Fabriken gemacht haben!


Generalüberholung heißt: DRGs abschaffen! Privatisierung stoppen! Demokratische Mitgestaltung des Gesundheitswesens ermöglichen! Die Attraktivität der Berufe im Gesundheitswesen steigern durch ein angemessenes Gehalt und Arbeitsbedingungen, die nicht krank machen, sondern unter denen es möglich ist, sich die Freude an dem Beruf zu bewahren und sich weiterzuentwickeln. Es muss Personaluntergrenzen in allen Bereichen geben! Um nur einige der Forderungen zu nennen.
Private Krankenhausbetreiber möchten uns als teuren Kostenfaktor los werden – dazu fällt mir nur eins ein: Wir möchten euch loswerden mit euren Aktionären, die daran verdienen, dass mit der Gesundheit von uns allen gepokert wird.
Ich möchte diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen und stellvertretend für meine Kollegen und Kolleginnen aus der Krankenpflege ein klares Zeichen an unsere Kolleginnen und Kollegen aus der Altenpflege senden: Wir solidarisieren uns mit euch und sagen euch unsere Unterstützung zu, denn ihr leidet ebenso unter der Privatisierung und Ökonomisierung. Der Krankenhaussektor und der Pflegesektor
sind untrennbare, ineinander greifende Bereiche.
Sehr geehrte Frauen und Herren der Gesundheitsministerien, sehen sie heute genau hin und schreiben sie mit, vergessen sie nicht die Altenpflege und setzen sie unsere Forderungen endlich um!